Meine Schilderung passt nun nicht 100%-ig hier herein, aber es geht auch um Leben und Sterben.
Am 27. April 2007 verstarb meine Mutti. Ich hatte Zeit meines Lebens eine sehr sehr gute und innige Beziehung zu ihr. Die letzten Jahre pflegte sie intensiv, weil sie eine Demenz Richtung "Alzheimer" hatte und ganz auf fremde Hilfe angewesen war. War praktisch rund um die Uhr um sie und hatte immer ein Auge auf sie. Es kam übehaupt keine sinnvolle Kommunikation mehr zu stande. Sie konnte das gesprochene Wort nicht mehr verstehen und deuten. Nachplappern ging, aber sie erkannte den Sinn nicht mehr. Für mich war die Situation auch sehr belastend und ich sprach dann einfach nicht mehr so viel mit ihr, sondern deutete alles an (ähnlich Tieren)

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Im März stürzte sie und brach sich das Hüftgelenk. OP und künstliches Hüftgelenk war die Folge. Während der OP... schwere Komplikationen... Herzstillstand usw. => Intensivstation. Sie war nicht ansprechbar und hatte auch keinen richtigen Herzschlag, bloss Kammerflimmern. Der Arzt sagte mir, die Chancen stünden schlecht, sie würde es nicht schaffen. Ich selber wollte das so nicht annehmen, ich wollte doch noch Abschied nehmen können. Das sagte ich meiner Mutti andauernd... wir müssten noch miteinader reden und sie könne jetzt noch nicht gehn. Ich wollte einfach noch mal richtig mit ihr sprechen. Dann sagte ich ihr auch, dass mein kleiner Sohn in zwei Wochen Konfirmation hätte und das ein Riesenfest werden sollte... 40 Gäste waren geladen und die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren.

Ich wachte Tag und Nacht an ihrem Bett, ich erzählte ihr Stories, ich sang, lachte und weinte. Und siehe da, meine Mutter reagierte... nach und nach kam das Leben in sie zurück. Erstmal funktionierte ihr Herz wieder, dann begann sie die Augen zu bewegen, Hände, Körper und schließlich begann sie zu sprechen... erkannte mich. Nach einer Woche spielten wir Ball auf der Intensivstation (so dumm das nun auch klingen mag). Sie war zwar geistig immer noch geschädigt, aber körperlich war sie wieder voll da.
Die Feierlichkeiten meines Sohnes konnten ohne Todesfall stattfinden. Es war alles nahezu perfekt.
Sie kam auf Normalstation und schließlich auf geriatrische Rehabilitation, wo sie von Tag zu Tag mehr Fortschritte machte. Täglich fuhr ich für mehrere Stunden zu meiner Mutti in die Reha Einrichtung (einfach 18 km). Wir machten lange Spaziergänge, sie halt im Rollstuhl (wg. der Hüfte konnte sie noch nicht gut laufen). Wir erlebten gemeinsam das Erwachen der Natur im Frühling. Wir belauschten die Vögel, bewunderten die Blumen und hatten sehr viel Spass miteinander. Ich legte sie abends ins Bett und ging erst, wenn sie schlief. Es war die intensivste Zeit mit meiner Mutti.
Eine Woche nach Ostern nahmen wir in der Krankenhauskapelle gemeinsam Abendmahl ein. Ich war Gott so dankbar, dass ich dieses mit meiner geliebten Mutti nochmal erleben durfte und heulte fast den ganzen Gottesdienst über. Sie selber sagte ein paarmal, nach dem Abendmahl. Gott sei Dank, Gott sei Dank!
Dann ließ ich ihr nochmal die Haare schneiden, so dass sie wirklich ganz hübsch aussah. Anschließend nahm ich sogar noch meinen Fotoapparat mit und fotografierte sie, weil ich ihren Schwestern Bericht erstatten wollte und ihnen auch die "blühende" Mutti zeigen wollte.
Auch hatte sie wieder viele lichte Momente, in denen sie den Krankenschwestern von ihrer fürsorglichen Tochter erzählte...

was mich natürlich freute, weil ich jahrelang dachte, die kriegt eh nichts mehr mit. Dachte früher oft... alles umsonst... alles nichts wert... was soll´s?

Ich bemerkte trotz Fortschritte bei meiner Mutter eine allgemeine Müdigkeit. So in der Art, habe nun alles gesehn, habe alles erlebt, lasst mich nun einfach "schlafen" oder "gehn". Hatte acuh das Gefühl, dass sie MIR das nicht antun wollte. Abends, vor dem Schlafengehn war ich ja immer um sie rum. Sie war nie für sich alleine.
Die Entlassung rückte immer näher und wir mussten zuhause Vorkehrungen treffen, zwecks Rollstuhl usw. Also beschlossen wir, dass Mutti in unsere Wohnung ins Erdgeschoss zieht und dafür unser großer Sohn ins Obergeschoss in ihre Wohnung. Wir begannen oben zu streichen usw. Der Umzug war auf das Wochenende vor dem ersten Mai geplant.
Dann hatte ich noch Metallstifte und Schrauben von einer Bein OP, die entfernt werden mussten. Ich beschloss dieses noch vor ihrer Entlassung zu machen, damit ich dann ganz für sie dasein konnte. Ich erzählte Mutti von den Aktionen zuhause und von meiner geplanten OP. Hatte das Gefühl sie hört es, aber es tangiert sie nicht. Ich ließ meine Stifte entfernen. Es war nicht so einfach, wie ich dachte und die Ärzte legten mir nahe, meine Mutti noch mal für 10 Tage in die Kurzzeitpflege zu geben, damit mein Bein richtig ausheilt. Gesagt getan. Zwei Tage nach meiner Bein OP kam meine Mutter in die Pflegeeinrichtung. Am selben Tag besuchte ich sie und blieb den ganzen Nachmittag bei ihr. Wir saßen im Garten und bewunderten den Flieder und den "Blauen Regen". Mutter ging es überaus gut, sie begann sogar wieder zu lesen, als sie eine Zeitschrift liegen sah. Es war so, wie wenn sie alles nocheinmal zur Schau stellen wollte. Ich gab ihr dann noch Abendbrot ein und ging kurz vor dem zubettgehen. Ich musste Medizin für Mutter von der Apotheke holen, bevor die zumacht.
Als ich zuhause ankam, klingelte das Telefon. Die Pflegeeinrichtung war dran und teilte mir mit, meine Mutter sei gerade an einem Herzinfarkt verstorben.

10 Minuten nachdem ich gegangen war... sie hat auf "ihre Freizeit" gewartet.

Ich habe das Gefühl. Sie wollte mir selbst im Tod eine gute Mutter sein. Mir damit nicht in meine Pläne pfutschen... Feste nicht zerstören... OP nicht verhindern.

Aber den geplanten Umzug (der ja nun überflüssig wurde) konnte sie stoppen.
Da finde ich Zäpfle´s Spruch passend:
Das hat Würde.